Es gibt Bands/Projekte, bei denen die Musik komplett von den dahinterstehenden Personen durchdrungen zu sein scheint. IAMX ist so ein Fall. IAMX ist das Solo Projekt von Chris Corner (Sneaker Pimps), und The Alternative ist nach Kiss And Swallow (2004) bereits das zweite Album, das unter diesem Namen veröffentlicht wurde. Und wieder zeichnet es sich durch beeindruckenden Gesang in diversen Stimmlagen aus. Im Vergleich zum Debüt klingt The Alternative organischer, leidender, fließender, verzweifelter, weniger geplant und weniger elektronisch, aber ebenso leidenschaftlich und gewürzt mit einer guten Prise erotischer Lust. Das gelb-schwarze Artwork buhlt um Aufmerksamkeit, noch etwas stärker als der pinkfarbene Vorgänger, und wieder ziert Chris Corner selbst Cover und Booklet seiner CD. Das stark visuelle Image von IAMX spiegelt sich auch im Album wider: Mehr als bei vielen anderen Alben kommt an vielen Stellen der Wunsch auf, einen Song als Kurzfilm zu erleben - mit den üblichen Regie-Verdächtigen: David Lynch, Tim Burton, und manchmal etwas Tarantino. Aber nun (nach der Bemerkung, dass das Fehlen der Lyrics im Booklet der einzige Kritikpunkt dieses Albums ist) zurück zum Anfang.
Eher zurückhaltend und im Walzer-Takt beginnt, was sich in der nächsten Stunde zu einer Reise der besonderen Art entwickelt soll. Melodisch, melancholisch und auf eine rührend-naiv anmutende Art traurig kommt I will be President [01] daher. "I can't be accident" - "Nein nein, ganz bestimmt nicht" möchte man antworten und die Hand zur dazugehörigen Über-den- Kopf-streich-Bewegung erheben - wären da nicht dieses schwarzgelb maskierte Gesicht und diese unergründlichen und durchdringenden Augen, die starr vom Cover des Albums herüberblicken und respektvolle Distanz fordern. Schon deutlich weniger sanft ist der Titeltrack The Alternative [02]. Der träumende Junge ist in den Hintergrund getreten, stattdessen singt der Protagonist davon, sich in (bzw. auf) seine Alternative zur Realität zu stürzen. "Lay back for me…". Eine spannende Mischung aus Kontrolle und Schwäche, Verlangen und Verzweiflung, Ausbrechen und Abhängigkeit. Und man beginnt zu ahnen, was Chris Corner mit "drugfunk" als Beschreibung des Stils auf diesem Album meinen könnte.
Nightlife [03] schlägt am ehesten die Brücke zwischen den beiden IAMX-Alben. Spannungsgeladener Knarzbass, elektronischer Sound und Vocals mit viel Echo/Reverb lassen eine ganz andere Stimmung entstehen als das trockene, rockig angehauchte Titelstück. Großstadtnacht, eine rastlose Suche, Wanderung von Club zu Club, dumpfe Bässe, zu denen sich beim Öffnen der Eingangstür kurz die zugehörigen Mitten und Höhen gesellen und klare Fetzen eines Clubsongs nach draußen dringen lassen, bis sich die Tür hinter dem Eintretenden schließt und die Musik sich wieder auf dumpfe Bassrhythmen reduziert. Nach Covenants Sweet & Salty schenkt Nightlife uns eine weitere, ganz andere Sicht auf die Berliner Clubszene: dreckiger, organischer, düsterer. "I want to know how to survive in the nightlife" statt "tears of joy". Nach einer kurzen und schönen Verschnaufpause, welche die depressiv-verträumte Ballade Lulled by Numbers [04] liefert, in der sich die Hauptfigur zum Trocknen aufhängen lässt, erhebt sich dieses wundersame Album plötzlich noch weiter. Es beginnt, sich unter der Haut des Hörers auszubreiten und intensiviert langsam seine Reise in tiefere Gefilde.
Das etwas märchenhafte Songs Of Imaginary Beings [05], dessen Pianospiel am Anfang kurz und schön Erinnerungen an Pink Floyds "High Hopes" weckt, war ursprünglich ein Sneaker Pimps-Song. Aber es hat nun hier einen perfekten Platz gefunden, um seine Geschichte zu erzählen. Es entführt den ergriffen Lauschenden in eine andere Welt um schließlich mit den Worten "die for me" zu enden und überzuleiten zur zweiten, noch stärkeren Hälfte des Albums.
Mit The Negative Sex [06] gelangen wir beim ersten Höhepunkt (des Albums) an. Schneller, aggressiv, dominierend, treibend, aber trotzdem eingängig wird eine weitere Demonstration des "drugfunk" gegeben und dabei die Machtbesessenheit von Männern beklagt. Ein mitreißender Refrain trifft auf verzerrte, über allem schwebende Vocals, und diese Mischung wird diesen Song in so manche Favoritenliste katapultieren.
Ebenso selbstbewusst aber deutlich sperriger, experimenteller und minimalistischer kommt der folgende Song Bring Me Back A Dog [07] daher und weigert sich prompt, sich dem Hörer sofort zu erschließen. Aber gerade, wenn man sich nach ein, zwei Zusatzrunden damit abgefunden hat, den Song als "sehr interessant" abzulegen, erschließt sich eine seltsame Spannung; der Hörer wird von der Kraft des musikalisch eher dünnen Chorus mitgerissen und ertappt sich plötzlich dabei, in einem Anflug von verzweifelter Hoffnung in die Chorus-Bitte einzustimmen - und den Song spontan zum Favoriten zu erklären.
Mit S.H.E. [08] sichert sich gleich der nächste Song einen Platz in den persönlich obersten Rängen. Einsamkeit in Text und Musik gegossen, bleistiftdicke Klaviersaiten im Dialog mit hohen Pianonoten; klagende Streicher im stimmigen Wechselgesang mit klagenden Vocals, die "S.ecret H.armonic E.motion" zu einem weiteren Höhepunkt des Albums machen.
Spätestens mit dem nächsten Song namens Spit It Out [09] kommt (zumindest im Hinblick dieses Review) leichte Verunsicherung bei der Frage auf, wie viele Höhepunkte so ein Album haben kann. Aber vermutlich ist das von Album zu Album verschieden und es ist daher nicht verwerflich, schon wieder das Label "Highlight des Albums" zu vergeben, um es auf dieses beinahe poppig-fröhliche, aber von quälender Sehnsucht gekennzeichnete Stück Musik zu kleben.
Einen vorläufigen Abschluss des nächtlichen Trips liefert anschließend der neu aufgelegte Sneaker Pimps-Song After Every Party I Die [10] - ein weiterer Song mit weiblicher Gesangsunterstützung (Sue Denim), und zugleich ein weiteres hochkarätiges Stück, das angesichts des sehnsucht-erfüllten Chorus erfolgreich zum Mitleiden animiert. Mit diesem energiereichen Song im Rücken öffnen sich die Clubtüren erneut, die Draußenstehenden erhaschen kurz den unverfälschten Sound, bis sich die Türen wieder schließen und wir wieder alleine nach Hause gehen - I die after every party…
Eine letzte Kostbarkeit für den Heimweg hält das Album noch bereit. This will make you love again [11] ist nicht einfach der elfte Song, sondern das Stück, dessen Aufgabe es ist, den Hörer wieder aus den Fängen des Herrn Corner zu entlassen. Es ist… wunderschön, aber auch anstrengend. Und es ist auf eine besondere Weise tröstlich: Nachdem wir während der ersten 10 Songs eher durch fremde Augen gesehen haben, ermöglicht es nun sich einzubilden, es sei ein an den Zuhörer adressiertes Versprechen. Man ist versucht, für die Titelzeile ein stummes "Danke" zum Abschied vor sich hin zu murmeln. Wer sich z. B. auch bei Seabounds schöner Ballade Watching Over You von den Zeilen "To the ones that crouch in fear / your ghosts will disappear" angesprochen gefühlt hat, weiß vermutlich, was ich meine. "This will make you love again" - der Song, allein schon diese Zeile geht ans Herz… aber was spricht gegen feuchte Augen nach so einer Reise? Nichts. Punkt. Ein wunderschöner Abschluss eines beeindruckenden Albums. Ich lehne mich erschöpft aber ausgefüllt zurück und schweige einfach mal eine Weile…
(… bis ich es nicht mehr aushalte und mit I will be President - das plötzlich gar nicht mehr so leicht klingt wie zu Beginn - eine weitere Runde einleite und derweil versuche, mich nicht darüber zu ärgern, dass ich bereits mehrere Gelegenheiten habe verstreichen lassen müssen, IAMX live zu sehen.)
Tracklist:
[01] I Will Be President
[02] The Alternative
[03] Nightlife
[04] Lulled By Numbers
[05] Songs Of Imaginary Beings
[06] The Negative Sex
[07] Bring Me Back A Dog
[08] S.H.E.
[09] Spit It Out
[10] After Every Party I Die
[11] This Will Make You Love Again |
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